BIKE2BOAT NORWEGEN 2012

Foto: www.jensklatt.com

Per Paddel und Pedal - Mit Bike und Boot durch Norwegen

Es regnet oft und viel in Norwegen. Ein Traum für Kajakfahrer, aber als Biker braucht man im hohen Norden ein dickes Fell. Trotzdem haben Olaf Obsommer, Lukas Wielatt und Philip Baues ihre Boote drei Wochen lang ökologisch korrekt 700 Kilometer auf dem Radanhänger von Fluss zu Fluss durchs Fjordland gezogen.

Ächzend springt die Kette in einen kleineren Gang. Dass diese Steigungen aber auch immer so unverhofft kommen müssen! Dem wackeren Pedaliero rinnt der Schweiß in Strömen, für Zuschauer muss es so aussehen, als bewege sich ein Pantomime-Künstler in Zeitlupentempo. Die Steigung nimmt noch weiter zu, die Geschwindigkeit in gleichem Maße ab. Hier, am Geirangerpass an der Westküste Norwegens, klettert der Tacho selten über vier, fünf Stundenkilometer. Noch langsamer und es geht rückwärts. Diese Sorge hat auch einer der vielen Touristen, die die bekannte Passstraße mit dem Auto abfahren: »Auf geht’s Jungs, kämpfen!« Auch das von der Tour de France bekannte »Allez! Allez!« schallt immer wieder aus vorbeifahrenden Autos. An der Parkbucht in der nächsten Spitzkehre findet eine resolute ältere Dame deutlichere Worte: »Die ticken doch nicht mehr ganz sauber, oder?« Doch wer will ihr diese spontane Reaktion verdenken? Scheint es doch wirklich verrückt, sein Wildwasserkajak im Schlepptau hinter sich herzuschleppen.
Wieso also all die Mühen und die Quälerei mit 50 Kilogramm Ausrüstung auf dem Anhänger? Bisher stiegen die drei expeditionserfahrenen Paddler ins Auto oder in den Flieger, um das Abenteuer auf den wilden Wassern rund um den Globus zu suchen. Doch um dieser Jagd nach dem nächsten »Kick« Einhalt zu gebieten und der alltäglichen Hektik zu entfliehen, wollten die Freunde einen Gang zurückschalten. Und bei der heißen Klimadebatte wäre doch auch ein Statement in Sachen klimaneutrales Reisen nicht verkehrt. Da war schnell das Fahrrad als perfektes Fortbewegungsmittel ausgemacht: Längere Strecken sind kein Problem, man reist in einer nachvollziehbaren Geschwindigkeit und auf dem Hänger und in den Packtaschen ist genug Platz für das Gepäck. Denn nur von Luft und Liebe kann auch ein Reiseradler nicht leben. Allein das Kajak bringt 20 Kilo auf die Waage, dazu kommen Bekleidung, Essen, Zelt, Schlafsack, Isomatte ...
Ob dieses Reisekonzept aufgeht, war den Abenteurern vor dem Start nach Norwegen selbst nicht klar: »Wir alle paddeln schon unser halbes Leben lang und auch die Stützräder haben wir längst abgeschraubt, aber in Kombination ist das Bike2Boat-Projekt eine ganz neue Herausforderung«, so Olaf. »Nur eins war vorher klar: dass wir vor allem bergauf unglaublich langsam unterwegs sein würden. Aber die ganze Aktion soll ja ein Plädoyer für die Entdeckung der reduzierten Geschwindigkeit sein.«
Dass es dann allerdings so langsam voran geht wie am Geirangerpass, hätten die Jungs nicht gedacht. Doch naturgemäß liegen des Paddlers Kräfte eher oberhalb der Hüfte und der schwere Hänger tut sein Übriges. Wollten die drei nicht ohnehin »einen Gang zurückschalten«? Philip lacht: »Das Motto unserer Tour war schon an der ersten Steigung ziemlich ausgereizt – viele Gänge zum runterschalten waren auf meinem Kettenblatt nicht mehr übrig.«
Fast jeden Tag sitzen die Freunde nicht nur im Kajak, sondern auch im Sattel. Mal sind es nur wenige Kilometer bis zum nächsten Fluss, mal liegen Tagesetappen von 80 Kilometern und mehr zwischen den verschiedenen Paddeldestinationen. So radeln die drei bergauf und bergab, sie schwitzen, sie frieren, sie fluchen, sie jubeln. Mal sind die Berge mit ihren steilen Rampen der größte Feind, dann wieder geben sie den Blick frei auf die überwältigende Dramaturgie der norwegischen Natur. Und ganz am Ende der Reise bleibt das stolze Gefühl, ein Ziel ganz aus eigener Kraft erreicht zu haben.

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