»THE GRAND CANYON OF THE STIKINE« KANADA 2002

Fotos: Michael Neumann

AKC Stikine Abenteuer im »Großen Graben«

Text: Michael Neumann und Olli Grau

 

Die große Schlucht des Stikine im Norden Kanadas markiert den Gipfel dessen, was beim Expeditionspaddeln möglich ist: 80 Kilometer lang, 450 Kubik voll, 460 Meter steil und garniert mit 30 ausgewachsenen Rapids, viele davon Zwangspassagen.

Einmal Abgrund und zurück – Erstes europäisches Team im »Grand Canyon of the Stikine« erfolgreich

Seit der Erstbefahrung 1986 haben sich erst zwölf Teams, allesamt aus Nordamerika, mit Erfolg am »Grand Canyon of the Stikine« versucht. Kein Weg ermöglicht eine vorherige Besichtigung der schwersten Stellen, kein zuverlässiger Pegel ein Abschätzen des Wasserstands, kein Flussführer gibt Auskunft über die zu erwartenden Schwierigkeiten.

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Das halbe Jahr über führt der Stikine, dessen Einzugsgebiet in etwa die Größe Nordbayerns hat, zuviel Wasser für eine Befahrung. Das andere halbe Jahr präsentiert sich der Stikine zwar mit deutlich weniger Wasser – aber leider zugefroren. Nur zu Beginn des Herbstes, wenn die Schmelzwasser abgeflossen sind, öffnet sich ein schmales Zeitfenster, bei dem die Wassermenge unter die magische Marke von 500 Kubikmetern pro Sekunde fällt. Die meisten Befahrungen des Stikine gehen daher auf das Konto von »Locals« aus den nur 1500 Kilometer entfernten US-Bundesstaaten Idaho und Montana, die das entsprechende Wetter- und Pegelfenster nur abwarten brauchten, um nach einer dreißigstündigen Marathonfahrt am Einstieg aufzukreuzen.
Als wir in der Nacht des 11. September 2002 am Einstieg ankommen, um die erste europäische Befahrung des Canyon zu realisieren, klingt uns besonders der Satz des paddelnden Psychologen und mehrfachen Stikine-Bezwingers Dr. Doug Ammons im Ohr. »Wer unvorbereitet und mit falscher Motivation an den Stikine kommt, wird in die Abgründe seiner Seele schauen.« Punkt. Unvorbereitet sind wir jedenfalls nicht. Standen wir doch bereits im Vorjahr auf der Brücke des Highways Nr. 37 und hatten im Rahmen der Komplettfahrung des 640 Kilometer langen Stikine unter dem Motto »Sky to Sea« einen Versuch im Sinn. Leider lag der Wasserstand damals weit jenseits des Erlaubten und wir mussten uns den Canyon abschminken.
Diesmal scheint das Glück auf unserer Seite. »Am oberen Limit, aber machbar« beurteilt Olli die Lage im Dunkeln. Er war es, der die Idee einer Stikine-Befahrung hatte und sich besonders intensiv mit den Tücken der Schlucht auseinandersetzte. Seinen Nachsatz »glaube ich zumindest« überhören wir in aller Euphorie.

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Kaltstart am Einstieg
Erst vor wenigen Tagen sind wir in Calgary gelandet, vier Wochen Zeit im Gepäck und einige Flüsse zum Einpaddeln auf der Liste. An das Paddeln mit vollem Boot wollten wir uns auf dem Homathko gewöhnen, ein echter Kanada-Klassiker, der bei Sommerhochwasser von einem AKC-Team »geerstelt« wurde, im September aber einen entspannten Pegel verspricht. Fast täglich holten wir uns im Internet aktuellste Wetter- und Pegeldaten und paddelten nebenbei auf Yoho und Pingston Creek. Bei der Recherche, die eigentlich verstärkt dem Homathko galt, blieb uns auch das herannahende Hochdruckgebiet nicht verborgen, das sich über dem Golf von Alaska generierte und dem Stikine eine Schönwetterphase von mehreren Tagen bescheren dürfte. Da wir das launige Wetter dort oben noch vom letzten Jahr in Erinnerung hatten, nahmen wir umgehend Kurs auf den Stikine. Schade nur, dass der Internetpegel an der Stikine-Mündung bei Wrangell beim letzten Webcheck »out of order« vermeldete und sich auch während unseres eineinhalbtägigen Roadtrips zum Einstieg nicht erholte. Aber wenn sich der Trend der noch vorhandenen Messdaten fortgesetzt hat, könnte es passen.
Es ist drei Uhr, als wir nach unserer Ankunft am Stikine endlich in den Schlafsack kommen. Noch sind wir uneins darüber, ob wir morgen früh starten oder besser noch einen Schönwettertag und 2000 Dollar opfern sollen, um uns einen Helikopter zu chartern. So hatten wir es im letzten Jahr gemacht, um letzte Gewissheit über den Wasserstand in den Kernstellen zu bekommen.

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Um sieben Uhr klingelt der Wecker. Schnell sind wir am Wasser, um Ollis Wasserstandsprognose bei Helligkeit zu verifizieren. Leider lässt das 150 Meter breite Kiesbett mit seinen diversen Kanälen nur eine grobe Schätzung zu. Wir einigen uns auf 450 Kubik – was das obere Limit für die Schlucht sein soll – und zugunsten eines sofortigen Starts. Zur Not können wir ja immer noch vom Eingangsrapid »Entry Falls« in einem Tagesmarsch zurück laufen.
Zwei Stunden lang sortieren und minimieren wir unsere Ausrüstung, verpacken Schlafsäcke und rationieren Drei-Minuten-Nudeln an Gemüsesuppe. Es ist ein stetes Abwägen zwischen Komfort und Sicherheit. Packen wir zuviel ein, verlieren die Kajaks ihre Fahreigenschaften und verhalten sich wie ein Auto mit Sommerreifen auf schneeglatter Straße. Nehmen wir zu wenig mit, könnten schwindende Kräfte durch Hunger und Kälte das Vorhaben gefährden. Unsere Aufregung wird von hektischer Betriebsamkeit und schlechten Witzen kaschiert. Doch warum müssen wir alle zehn Minuten in die Büsche? Zumindest unsere Körper scheinen den Ernst der Lage erkannt zu haben  und wollen überflüssigen Ballast los werden. Um 10 Uhr sitzen wir in den Booten. Die Brücke des Highways 37, die einzige Brücke über den Stikine auf seiner gesamten Strecke, verschwindet rasch am Horizont. Auf den ersten sechs Kilometern zieht der Stikine in einem offenen Kiesbett schnell dahin, von einer Schlucht keine Spur. Dafür rauschen wir unversehens in die Morgentoilette von Mama Grizzly und ihren zwei Kids. Eine Situation, die einem Wanderer Leib und Leben kosten kann. Während sich zwei der Bären rasch ans Ufer flüchten, wird eines der Kleinen vor lauter Schreck von der Strömung abgetrieben. Zum Glück ist der Fluss an dieser »Begegnungsstätte« gute 50 Meter breit und drei Meter tief. Denn ansonsten hätten wir das anschließende Rambazamba auf der Kiesbank nicht derart gelassen beobachten können. Mama Bär richtet sich immer wieder auf, tobt von links nach rechts und stößt dabei Laute aus, die an den Soundtrack von Jurassic Parc erinnern. Nach rund 200 Metern schafft es Little Grizzly ans Ufer und die Familie verschwindet im Wald.

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Von null auf hundert in drei Sekunden
Wenig später wird der vermeintlich friedliche Stikine zu Tourenpaddlers Alptraum und legitimiert die Warnschilder am Einstieg: »Unnavigable by all crafts«. Völlig unvermittelt verschluckt ein riesiger Felsschlund, der sich auch als Filmkulisse in »Herr der Ringe« gut gemacht hätte, den Fluss. Völlig friedlich strömt das Wasser hinein und gaukelt nach dazu das Vorhandensein diverser Kehrwasser vor. Doch wir wissen, dass man diesem Frieden nicht trauen darf. Direkt ums Eck lauert »Entry Falls« zwischen senkrechten Wänden, eine der schwersten Stellen des Stikine überhaupt. Aber wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und den einleitenden Satz einer Filmdokumentation noch im Ohr: »Der Fluss lockt dich mit seiner Schönheit, betört dich mit seiner Grazie – und tötet dich mit seiner Kraft.«
Daher klettern wir weit oberhalb aus dem Boot und kraxeln durchs Unterholz bis zum Schluchtrand, um die Fälle zu besichtigen. Von hoch oben fällt der Blick auf ein donnerndes Chaos aus Fels und Wasser. Der Stein, der als Hilfspegel dient und von dem es heißt »five foot go, one foot no«, ragt geschätzte zweieinhalb Fuß aus dem Wasser. Verdammt. Noch ist ein Rückzug möglich. Aber die Linie, die schon unsere Vorgänger gewählt haben, scheint auch bei diesem Wasserstand möglich, was zu einer einstimmigen Entscheidung führt. Und außerdem haben die Bären sicher noch unser Deo in der Nase.
Olli und Markus müssen als erste fahren, da sie weder Videokamera noch Fotoapparat als Ausrede parat haben. Als sie eine viertel Stunde später oberhalb der Fälle auftauchen, sind wir erschrocken über die Dimensionen. Ihre Kajaks machen sich wie Spielzeugboote in den gewaltigen Wassermassen aus. Schon die vermeintlich kleine Eingangswelle schlägt meterhoch über ihnen zusammen. Sie schaufeln wie die Duracell-Hasen, um dem Ideal von einer Befahrungslinie nahe zu kommen und schaffen den nötigen Zickzackkurs ohne Rolle ins erste Kehrwasser unterhalb.

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Der Takt des Stikine
Bevor Olaf und ich es ihnen gleichtun, versuchen wir noch eine Lehre aus ihrer Befahrung zu ziehen. Vielleicht etwas mehr links? Oder hinter dem ersten Stein ins Kehrwasser? Doch der Stikine macht solche Strategien schon im Ansatz zunichte. Die in ein viel zu enges Korsett gezwungenen 450 Kubik toben derart von links nach rechts durchs Flussbett, dass es »die Route« schlicht nicht gibt. Ein Pumpen, ganz so wie man es auch vom Eiskanal kennt, verändert den Rapid in unregelmäßigen Abständen. Mal steht am Eingang eine grüne Welle, mal ein fieses Loch. Mal wartet hinter dem ersten Stein ein schönes Kehrwasser, mal ein meterhoher Wasserpilz mit entsprechender Verschneidung. Diese erste Lektion im Handbuch für potentizielle Stikine-Aspiranten haben wir somit schon begriffen: Auf den Stikine kann man nur reagieren, nicht ihn agieren.
Da der Takt der Veränderung kein vorhersehbarer ist und die Eingangswelle uneinsehbar unterhalb unseres Kehrwassers liegt, müssen wir Stikine-Roulette spielen. Doch wir haben Glück. Die drei Meter hohe Eingangswelle bleibt handzahm, ohne einen Spritzer im Gesicht schippern wir einfach drüber. Dafür zerlegt es Olaf direkt danach an der Kehrwasserverschneidung. Wie von Geisterhand legt er einen sauberen Rückwärtsüberschlag hin. Wenigstens rollt schnell genug, um der folgenden Walzen zu entwischen. Ich bekomme meine zweite Stikine-Lektion erst im Ausgang des Rapids, als ich mich schon unten wähne. Eine kleine Welle lässt mich nur kopfunter passieren und die anschließende Kehrwasserverschneidung sorgt dafür, dass das auch so bleibt. Während ich ein ums andere Mal zur Rolle ansetzte, versucht mich der Stikine regelrecht aus dem Boot zu lutschen. Nach drei erfolglosen Versuchen und fortschreitender Atemnot erliege ich kurz dem gefährlichen wie verlockenden Gedanken, diesem ungeheuren Zug einfach nachzugeben. Meine Luft reicht höchstens noch für einen vierten Versuch, der muss klappen. Dafür kommt mir die gute alte Bauernrolle in den Sinn. Und siehe da, mit dem längeren Hebel komme ich zurück ans Licht. Ich verbuche diese Erfahrung an einer scheinbar harmlosen Stelle im Kapitel »mehr Respekt«. Zwar habe ich den Stikine während der Vorbereitung keinesfalls auf die leichte Schulter genommen, doch Kommentare der Erstbefahrer wie »dein persönlicher Everest« und die eingangs erwähnten »Abgründe der Seele« erschienen mir doch als US-typische Übertreibung. Sorry, Stikine.

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Zwangspassagen als Schikane
Nach diesem furiosen Auftakt gibt es kein Zurück mehr aus der Schlucht. Unser Weg ist das Wasser, so wild und unbezwingbar es sich auch präsentieren mag. Zu unserer Erleichterung sind die folgenden Katarakte eine Spur leichter als der Auftakt. Wobei »leichter« immer noch das obere Ende der Wildwasser-Schwierigkeitsskala von I bis VI meint. Bedingt durch den hohen Wasserstand ist der Zug zwischen den einzelnen Stellen enorm. Oft müssen wir uns schon weit oberhalb der Rapids für eine Uferseite entscheiden, um noch rechtzeitig ein Ausstiegskehrwasser zum Besichtigen zu erreichen. Entpuppt sich dieses als dafür ungeeignet, reicht es nicht mehr für einen Uferwechsel. Mit jeder richtigen Entscheidung danken wir unserer Paddelerfahrung von zusammen rund 60 Jahren. Nur vor dem Rapid »Three Goats« liegen wir falsch. Einzig Olli findet einen schmalen Felssims für sein Boot, wir müssen leider im Wasser bleiben. Aber anhand seiner Beschreibungen treffen wir auch ohne Augenmaß den Weg durch die Walzen.
Eine weitere Schrecksekunde erleben wir bei »Wicked Wanda«, als Markus beim Ansteuern des Kehrwassers der Eintritt verwehrt wird. Ein urplötzlich auftauchender Pilz packt sein Boot und schiebt es zurück ins Hauptwasser. Instinktiv wählt er die Strommitte zur Anfahrt, orientiert sich auf den einleitenden Wellen und erkennt eine walzenfreie Fahrtroute auf der rechten Seite.
Die meisten Stellen im Canyon sind Zwangspassagen – umtragen unmöglich. Zu dieser Kategorie gehört aus »Wassons Hole«, ein apokalyptischer Rücklauf am Ende des ersten Tages, in dem John Wasson beim Erstbefahrungsversuch um sein Leben rotierte. Rund 150 Meter oberhalb steigen wir im letztmöglichen Kehrwasser aus und klettern so hoch es geht, um einen Blick auf Wassons zu werfen. Wir erkennen eine Engstelle mit ordentlich Gefälle, mächtige Diagonalen mittendrin und eine riesige Walze links an der Wand zum Finale. Die Wahl der Route fällt somit leicht: Mitte-Rechts. Jetzt ist Zwangspassagen-Taktik gefragt: Sobald die Fahrtroute steht, wird aufkeimende Angst durch rasches Handeln bekämpft. Mit einem Herzklopfen, dessen Echo man eigentlich zwischen den Felswänden hören müsste, steigen wir in die Boote und nehmen Kurs auf Mitte-Rechts. Erst jetzt bemerken wir, dass die gesamte Anfahrt eine schiefe Ebene darstellt, die nach links kippt – direkt ins Loch. Unter Aufbietung aller Kräfte schaffen wir es gerade so bis zur Flussmitte und nur knapp rauschen wir allesamt an der tückischen Wasserwand vorbei. Im Augenwinkel sehen wir dabei die größte Walze unseres Lebens.

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Das Restrisiko fährt mit
Wenig später landen wir oberhalb des unfahrbaren Katarakt »Site Zed« an. Er ist zugleich erstes mögliches Nachtlager mit ein paar ebenen Quadratmetern für unser Zelt. Den Rest des Abends sitzen wir am Feuer, trocknen Paddelklamotten, futtern Instantnudeln und verarbeiten die Erlebnisse des ersten Tages. Wir sind alle etwas blass um die Nase und mental am Anschlag. Eine derartige Häufung solcher Wuchthämmer zwischen senkrechten Felswänden ist für jeden von uns das Maximum dessen, was er zu riskieren bereit ist. Größtes Kopfzerbrechen bereiten oft nicht einmal die Rapids selbst, sondern die Kraft des Wassers im vermeintlich ruhigen Pool dahinter. Oft tun sich dort hinterlistige Presswässer auf, die einen eventuellen Schwimmer wohl auf ewig verschlucken würden. Was also, wenn einem beim Durchfahren einer Walze das Paddel bricht oder ganz banal die Spritzdecke aufgeht? Zwar haben wir diese Eventualitäten durch sorgfältige Materialtests im Vorfeld minimiert, doch ein Restrisiko mit der Konsequenz »Wer schwimmt, ertrinkt«, bleibt. Sich mit dieser Gewissheit zu arrangieren, beschert uns die erste unruhige Nacht.
Tag 2 startet mit einer schweißtreibenden Portage. Zwei Stunden lang schleppen wir unsere Kajaks durch ein Kartenhaus überdimensionierter Felsmurmeln an »Site Zed« vorbei. Mit den 30 Kilo schweren Kajaks auf der Schulter will jeder Schritt wohl überlegt sein. Am Ende der normalen Portage bekommen wir noch einen Aufschlag spendiert. Die übliche Seilfähre zum im unteren Tel leichter begehbaren linken Ufer ist aufgrund unseres Wasserstandes nicht möglich. Wir müssen die Boote rund 10 Meter in ein Kehrwasser abseilen und weichen selbst auf einen schwindelerregenden Mountain-Goat-Pfad aus. Rund 300 dieser Bergziegen, die ihren Lebensraum überall dort haben, wo sich ein Bär nicht mal angeseilt hintrauen würde, bevölkern den Canyon.
Der zweite Tag gilt als leichtester der Tour, aber nach der anfänglichen Portage und den anschließenden fünf Stunden auf dem Wasser würden wir das so nicht unterschreiben. Doch bis zum nächsten Camp kann es eigentlich nicht mehr weit sein. Nur noch ein Rapid mit dem vielsagenden Namen »The Wall«, weiß Olli, dann soll sich die Schlucht für wenige Kilometer öffnen und ein tolles Camp inklusive Sandstrand für die zweite Nacht bereit halten. Wir sehen uns schon Sandburgen bauend im Sonnenuntergang, als die Schlucht noch einmal so richtig »zu macht« und der Flusshorizont vor uns abrupt abbricht. Zwangspassage, alle raus zum Besichtigen! Doch viel sehen wir nicht. Gleißendes Gegenlicht macht die folgende 300-Meter-Gerade zu einem strukturlosen Inferno aus Wasser und Gischt mit drei Abrisskanten, von denen wir nur eine einsehen können. Wir sitzen in der Falle. Ist das »The Wall«? Oder das Ende der Welt? Trotz einer ausgesetzten Kletteraktion können wir keine Fahrtroute erkennen. Die ganze Zeit will es uns nicht aus dem Kopf, warum keiner der amerikanischen Paddler diese Stelle bei Ollis Recherchen erwähnt hat. Gegenlicht hin, Gegenlicht her, selbst unter günstigsten Sichtverhältnissen ist die Stelle die erste Zwangspassage auf dem Fluss mit dem Zusatz »uneinsehbar«. Oder hat sich der Fluss im Winter durch Lawinen oder Frostsprengungen vielleicht verändert?
Nach einer halben Stunde unkoordinierter Hektik beratschlagen wir unsere Optionen, wobei Olli es auf den Punkt bringt: Keinen Meter weiter, zumindest nicht heute. Wir sind gottfroh über die Worte unseres Antreibers. Ich selbst bin mittlerweile derart von der Kraft des Stikine eingeschüchtert, dass ich mein Seelenheil allein in der Flucht sehe. Nur raus aus diesem Schattenschlund, zur Sonne, zur Freiheit. Mein sonst unerschütterlicher Zweckoptimismus wird vom Selbsterhaltungstrieb in Schach gehalten, ich sehe in allem nur noch den nächsten Schritt in den Abgrund. Sehr zu meiner Verwunderung stößt mein Vorschlag, die Fahrt an dieser Stelle abzubrechen und ein Kletterversuch Richtung Hochplateau inklusive zweitägigem Rückmarsch in die Zivilisation zu unternehmen, auf ungeteilten Zuspruch. Beim Blick in die Höhe bemerken wir mehrere Geröllrinnen etwas stromauf. Ist durch sie ein Notausstieg möglich? Wir steigen in die Kajaks und schaufeln ins nächsthöhere Kehrwasser. Dort laden wir das Gepäck aus den Booten und funktionieren unsere Reissverschluss-Auftriebskörper zu provisorischen Rucksäcken um. Ohne Sinn und Verstand beginnen wir anschließend mit dem Aufstieg, Kajaks, Paddel und einen Teil der Ausrüstung zurücklassend. Entgegen allen Regeln der Vernunft probiert jeder seine eigene erfolgsversprechende Route. Ich steige in eine anfangs leicht begehbare Rinne ein und arbeite mich Meter um Meter nach oben. Doch nach wenigen Minuten beginnt die Rinne »anzuziehen«, wird immer steiler. Doch rund 20 Meter über mir ist ein Absatz. Der Schluchtrand? Vorsichtig drehe ich mich um, will meine Position an der gegenüberliegenden Felswand abschätzen. Von wegen Schluchtrand. Gute 100 Höhenmeter habe ich geschafft, doch nach dem Absatz liegen noch weitere 300 Höhenmeter, die letzten 100 davon nahezu senkrecht. Ich blase zum Rückzug. Unten angekommen, bin ich zunächst allein. Doch der stete Steinschlag aus den anderen Rinnen kündigt den Rest der Crew an. Zum Glück ist niemand über den »Point of no return« hinaus geklettert.

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Abbruch aus Angst?
Zurück am Wasser, überlegen wir uns Plan B, C und D. B baut auf Dan Pakula, den Besitzer der River Song Lodge am Ausstieg. Er weiß, dass wir auf dem Fluss sind und rechnet bis spätestens Samstagnachmittag mit uns. Wenn wir also bis dahin nicht aufgetaucht sind, wird er wohl beim örtlichen Heli-Haudegen Jim Reed Alarm schlagen und dieser dann hoffentlich zu einen Erkundungsflug durch die Schlucht starten – unsere Kreditkartennummer hat er schließlich noch vom letzten Jahr. Plan C beinhaltet einen Sinneswandel und sieht vor, dass wir morgen nach einer tiefen Mütze Schlaf im warmen Schlafsack und einem ordentlichen Frühstück die Stelle vor uns mit anderen Augen sehen und einfach hinunter paddeln. Und Plan D? Den haben wir in Form eines gelben Notsenders im Gepäck. Einmal ausgelöst, sendet er ein Signal zu einem Satelliten, der daraufhin die kurze Textmitteilung »Jemand ist in Lebensgefahr« zusammen mit den ungefähren Koordinaten des Hilferufs an eine weltweite Leitstelle übermittelt. Die anschließend ausgelöste Rettungsaktion variiert allerdings von Land zu Land. Während in Österreich beispielsweise die für unseren Fall goldrichtige Bergwacht im Heli angerückt käme und der ADAC-Euroschutzbrief anschließend die Zeche zahlen würde, sind wir uns hier im Grenzgebiet zu den USA nicht ganz sicher. Am Ende landet noch eine Galaxy auf dem nächsten Provinzflughafen und eine Kompanie Green Berets schlägt eine rettungswagentaugliche Straße zum Schluchtrand – ein eher unrühmliches Ende.
Allen Plänen gemein ist zunächst jedoch das Notbiwak auf der Kiesbank. Nachdem wir sämtliches Feuerholz zusammen geklaubt haben, gibt es eine Extraportion Instantnudeln. Anschließend schichten wir eine halbe Stunde lang Geröll von links nach rechts, um der allgegenwärtigen Schräge wenigstens vier Schlafplätze abzutrotzen. 
Wir verbringen eine unruhige Nacht zwischen Bangen und Beten. Ab drei Uhr werde ich im Stundentakt wach und sehne das erste Licht herbei, damit die donnernde Hölle stromab wenigstens wieder ein Gesicht bekommt. Mein Kopf fährt Achterbahn. Mal werde ich wach und bin völlig euphorisch: Natürlich schaffen wir es bis zum Ausstieg. Beim nächsten Mal muss ich mir die Tränen verdrücken, es herrscht die blanke Panik und am liebsten würde ich sofort den Knopf des Notsenders drücken. 
Um sechs Uhr schlüpfe ich erstmals aus dem Schlafsack und klettere stromab. Zu meiner Erleichterung schaut der Katarakt im kontrastreichen Morgenlicht tatsächlich handzahmer aus, zumindest die ersten zwei Kernstellen scheinen machbar. Nur das Ende der Geraden bleibt unklar.
Um sieben bewegen sich auch die anderen Schlafsäcke. Obwohl ich noch immer unschicher ob der klügsten Vorgehensweise bin, versuche ich die Stimmung der Truppe zu heben, in dem ich, der Verfechter des Abbruchs, meine grundsätzliche Bereitschaft zum Lospaddeln signalisiere. Nachdem sich auch die anderen eine positive Meinung gebildet haben, schreiten wir zum Galgenfrühstück. Anschließend schlüpfen wir in die Trockenanzüge und besprechen die Taktik. Einer zuerst, die anderen schauen zu? Lieber nicht. Schon der Anblick einer tiefen Paddelstütze würde uns wieder die Felswand hochtreiben. Mit einer Mischung aus Fatalismus und Optimismus fahren wir fast zeitgleich aus dem Kehrwasser. Wie immer bei schweren Stellen werden Angst und Panik sofort auf Standby heruntergefahren. Dieser antrainierte Modus lässt uns die Paddelschläge dort setzen, wo sie hingehören, woraus ein kraftschonender Paddelstil resultiert. Wer weiß, vielleicht brauchen wir unseren Atem ja noch für die flussbreite Abschlusswalze?
Zunächst gilt es mit viel Speed nach links zu schneiden, um der angespülten »Wall« zu entkommen. Dann folgt die zweite Kante. Die Walzen links und rechts vermeidend, treffen alle den vermuteten Durchschlupf in Flussmitte. Nun folgt die große Unbekannte. Wird der Stikine sich nach der Kurve beruhigen, oder tobt er weiter? An einer letzten Walze vorbei, biegen wir ums Eck – und sind durch. Die Schlucht öffnet sich, vor uns liegt der »Garden of the Gods« im goldenen Morgenlicht. Dieser kurze Schluchtabschnitt bietet faires Wildwasser der Extraklasse mit vielen Ausweichrouten am Rand des Gebrodels.

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Links überholen unmöglich
Gegen 10 Uhr passieren wir das Sandbank-Camp. Dort könnte auch prima ein Heli landen. Wir steigen aus und beratschlagen erneut, ob wir die Fahrt an dieser Stelle abbrechen sollen. Schließlich beginnen unterhalb die »Lower Narrows«, der finale Schluchtabschnitt mit den angeblich schwersten Katarakten des Stikine. Wir schaudern vor Namen wie »The hole that ate Chicago« oder »The Wall II« und dem nach wie vor hohen Wasserstand. Stattdessen könnten wir hier in der Sonne sitzen, hätten genug Feuerholz und Platz für das Zelt, während wir auf Rettung aus der Luft hoffen dürften. Eines ist aber auch klar: Wenn wir aufgeben, werden wir kein drittes Mal zum Stikine zurückkehren, um unseren Traum von der Komplettbefahrung diese einmaligen Flusses zu verwirklichen. Kurz kommen auch Gedanken an mögliche Spötter und enttäuschte Sponsoren auf. Aber wirklich nur kurz. Denn dies ist eine Sache zwischen uns und dem Fluss – und sonst niemanden. Jeder argumentiert sachlich, jeder signalisiert, dass er ein Nein des anderen ohne Vorbehalte akzeptieren würde, jeder zeigt sein Ängste. Es ist wirklich zum Schreien: Obwohl wir nach wie vor in der Patsche sitzen, herrscht eine ungetrübte Harmonie im Team. Keiner spielt den starken Max, keiner setzt das Pokerface auf. Nachdem die Karten auf dem Tisch liegen, fällt die Entscheidung leichter als gedacht: Weiterfahren!  
Zu unserer Überraschung präsentieren sich die ersten Kernstellen allesamt umtrag- oder umfahrbar. Markus und ich machen davon auch ohne Umschweife Gebrauch. Olli knackt dagegen auch »Wall II«, Olaf sogar »Scissors«. Leider gelingt mir kein Foto, da er schon zehn Meter vor der Stelle verschluckt und erst zwanzig Meter stromab wieder ausgespuckt wird.
Danach schlägt allerdings wieder die Stunde der Wahrheit. Eine mit üppigen Walzen durchsetzte S-Kurve ist nur zu einem Drittel einsehbar. Das stand auch nicht im Reiseführer. Wieder droht Kehrwasserpanik, wieder geht der Blick die Wand hoch. Doch Olli und Markus erhalten das Momentum und paddeln ohne Zögern los, Olaf und ich hinterher. Keine zwanzig Sekunden nach Anblick der Zwangspassage sind wir durch.
Neunzig Prozent der Schwierigkeiten liegen nun hinter uns liegen. Doch gilt am Stikine die alte Fußballweisheit: Nach der Kernstelle ist vor der Kernstelle. Gegen 13 Uhr erreichen wir »V-Drive«. Unfahrbar, so weiß Olli, und eigentlich auch nicht umtragbar. Denn die Kiesbank, über die fast alle Paddler das Kehrwasser unterhalb erreichten, meldet bei unserem Pegel Land unter. Uns bleibt nur die rechte Seite. Über eine 45 Grad steile Kiesrampe zerren wir die Kajaks rund 50 Höhenmeter hinauf. Oben angekommen, brauchen wir eine geschlagene halbe Stunde, um überhaupt eine Idee zu entwickeln, wie wir wieder zurück zum Wasser kommen. Mittels Klemmkeil, Abseilachter, Bandschlingen und zweier Standplätze, die so gerade eben für Mann und Material ausreichen, schaffen wir in einem einstündigen Puzzlespiel einen 50 Meter langen Quergang. Von hier könnte man einen 10 Meter hohen Felsenstart versuchen. Doch das Risiko einer dabei aufspringenden Spritzdecke will niemand riskieren. Daher legen wir eine neuerliche Sicherung, an der Olli zu einer kleinen Felsplattform rund eineinhalb Meter über dem Wasser abseilt. Was in der ersten Sekunde wie die hundertprozentige Lösung aussah, hat leider zwei Haken. Erstens ist die Plattform zu schräg, um darauf alleine einsteigen zu können, und zweitens wird der Fels regelmäßig von der heranrollenden »Dünung« überspült. Wieder ist kluges Taktieren gefragt. Da ich in Sachen Klettertechnik für die Gruppe eine absolute Nullnummer bin, werde ich zuerst »entsorgt«. Fern jedweder Eleganz seile ich mich zu Olli ab, der durch die stetige Dauerdusche schon ganz blaue Lippen hat. Mein Boot kommt hinterher, Olli hilft mir beim Einsteigen und dann heißt es nichts wie weg hier. Kehrwasserlos tobt der Stikine dahin, erst hinter der nächsten Kurve und ohne Sicht auf den Einstiegsfelsen komme ich zum Halten. Wer kommt als nächster und wie wird der letzte die heikle Stelle meistern? Obwohl ich durch bin, fühle ich keinerlei Euphorie. Noch nicht. Es ist Olli, der als nächstes um die Ecke biegt. Er paddelt noch hundert Meter weiter, dorthin, wo sich die Schlucht öffnet und die Nachmittagssonne wärmt. Ich halte die Stellung und empfange als nächstes Markus. Er erzählt mir, dass Olaf sich zu ihm abgeseilt hat, um ihm beim Einstieg zu helfen. Anschließend wolle er sein Kajak, welches an einem zweiten Seil in der Wand hängt, auslösen. Dann, so Markus weiter, müsse er sein Kajak in Einstiegsposition am Seil sichern, einsteigen und dann das Seil mit einem Messer kappen. Zehn Minuten später biegt er ums Eck – wir haben es geschafft.

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Schrecksekunde auf der Zielgeraden
Fast zumindest. Mit dem »Tanzilla Slot« wartet noch eine letzte geologische Sensation auf uns. Dort pressen sich mehrere hundert Kubik durch einen nur drei Meter breiten Felsspalt aus blankpolierten Basalt. Wir erinnern uns an die Story von Scott Lindgren, der im letzten Jahr bei den Dreharbeiten zu seinem Film »Aerated« von einem Hochwasser im Canyon überrascht wurde. Vor dem dritten Tag verdoppelte sich der Wasserstand von 300 auf 600 Kubik. Dadurch staute sich das Wasser derart vor dem Schlitz, so dass sie drei Anläufe brauchten, um den Berg aus Wasser davor zu überwinden. Gefilmt hat das natürlich niemand.
Auch uns ist eine letzte Schrecksekunde vergönnt. Im Katarakt oberhalb muss ich eskimotieren. Als ich schnell – aber nicht schnell genug – wieder hochkomme, spült es mich am Kehrwasser, in dem die anderen warten, vorbei. Daraufhin steuere ich aufs rechte Kehrwasser zu. Erst da erkenne ich am vom rechts hereinstürzenden Tanzilla River, dass ich mich unmittelbar vor dem Schlitz befinde. Leider versperrt mir das hereindrückende Wasser des Tanzilla auch die Einfahrt ins Kehrwasser. So muss ich umdisponieren und den Schlitz direkt nehmen. Ich verschwende keinen Gedanken, wohin die  übrigen 400 Kubik fließen, als mich eine idotensichere Oberflächenströmung durch den Felskanal schiebt. Einige Meter danach schlinge ich in ein friedliches Kehrwasser ein und warte auf den Rest. Es dauert geschlagene zehn Minuten, bis ich Ollis hochrotes Gesicht oberhalb des Schlitz am Ufer erkenne. Er scheint sichtlich erfreut, mich lebend zu sehen. Ohne Probleme kommen alle nach und wir sind tatsächlich durch, der Grand Canyon ist geknackt. Beseelt vom gestern noch unmöglich geglaubten Erfolg fallen wir uns reihum in die Arme. Als Paddler Nr. 26 – 29 können wir uns ins imaginäre Gipfelbuch des »Grand Canyon of the Stikine« eintragen und als erste Paddler überhaupt sogar die Komplettbefahrung des Stikine für uns reklamieren. Wobei solche »Superlative« nach diesem Trip weit weniger wiegen als die persönliche Erfahrung. Der Stikine hat einem wirklich den Spiegel vorgehalten. Was wir darin gesehen haben, war nicht immer schön, aber sehr lehrreich. 
Bis zum Ausstieg in Telegraph Creek sind es noch gut 30 Kilometer leichtes Wildwasser, doch das sollten wir bis zum Einbruch der Dunkelheit schaffen. Im Abendlicht genießen wir den Stikine endlich ohne Angstschweiß auf der Stirn und in den folgenden zwei Stunden nutzt zudem jeder die Gelegenheit, die gestern Nacht gefassten guten Vorsätze für den Fall des Überlebens auf Realisierbarkeit zu überprüfen. Von geregelter Arbeit war da die Rede, sofortige Heirat der Freundin nach der Rückkehr, Weihnachten bei den Eltern und die Reduzierung künftiger Wildflüsse auf den Eiskanal.

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Epilog statt Siegerehrung
Nachdem wir die Lodge am Ausstieg erreicht haben, verbringen wir drei Tage der Regeneration mit gedecktem Apfelkuchen und in weichen Federbetten. Trotz der komfortablen Unterbringung schlafen wir schlecht und träumen viel. Auch nach einer Woche will Wasson’s Hole noch jede Nacht befahren werden. Nur langsam weicht das »nie wieder Stikine« zu einem »vielleicht bei weniger Wasser«. Wie wusste doch Lars Holbeck: »Eigentlich sollte ich nach all den Jahren zurück zum Stikine, um festzustellen, ob wir uns damals zu recht in die Hosen gemacht haben.« Wir verbringen viel Zeit vor dem Computer und e-mailen in alle Welt. Eine Antwort von Charlie Munsey revidiert schließlich mein schlechtes Fotografen-Gewissen hinsichtlich der mageren Ausbeute von vier Rollen Film. Der dreimalige Stikine-Bezwinger gibt an, beim ersten Mal drei, dann 28, und letztlich 45 Filme im Canyon verknipst zu haben. Somit liege ich einen über dem Schnitt. Die Lust aufs Paddeln ist trotzdem gedämpft. Obwohl wir noch über zwei Wochen Zeit haben, werden bereits Rückflugpläne geschmiedet. Der erste Bach nach dem Stikine ist der Rutherford Creek nahe Whistler. Bei der Befahrung springt Olaf zweimal die Spritzdecke auf ...    


FACTS:

Stecke: 60km WW 5+, 30km WW 3, 3 lange harteTage
Einstieg: Stewart Cassier Highway
Ausstieg: Telegraph Creek
Shuttle: 180km, 6hrs
Wasser: 150-500m3, je mehr Wasser desto schwieriger ist das Scouten.
Gefälle: In den Steilstücken 20-30 Promille,
Befahrbarkeit: September bei Niederwasser.
Besonderheiten: Zwangspassagen à la „Wassens Hole“, Uneinsehbare Katerakte
Gefahren: Schwimmen, „V-drive“ kann bei hohen Wasserständen nur durch abseilen umtragen werden. Zu wenig Informationen!!!
Boote: >250cm, > 280 Liter Volumen.
Helikopter: Jim Reed in Dease Lake. 250-771-5911.
Tipp: Informiere dich genau bevor Du überhaupt an eine Befahrung denkst.

Good quotes:
»Somewhere between your imagination and the Yukon Territory lays on of the deepest darkest rivercanyons in the world. The drive up to Dease Lake on the Stewart Cassier Highway is one of the loneliest drives a kayaker can take. It is not until you reach the bridge of the Stikine river when the size of the undertaken becomes painfully clear«, aus »Aereated« by Scott Lindgren

 

Sponsoren: adidas, Langer, Dagger, Ty Warp, wave sport, Zoelzer, AKC , HF